Model in cremefarbenem Wollpullover

Bewusst leben | Eine Hommage an die Kunst der Langsamkeit

Bewusst zu leben heißt nicht, jeden Tag möglichst viel zu schaffen. Manchmal bedeutet es vielmehr, sich Zeit zu lassen, innezuhalten und den Moment einfach so sein zu lassen, wie er ist. Insbesondere die französische Lebensart lässt sich mit dieser bewussten Art verbinden, den Alltag und die eigene Zeit zu genießen.

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Zwischen Terminen und kleinen Pausen

Unser Alltag ist oft gut gefüllt. Zwischen Arbeit, Terminen und den vielen kleinen Aufgaben bleibt zwar immer wieder ein freier Moment, doch auch diese Zeit wird schnell verplant. Noch schnell etwas erledigen, Nachrichten beantworten oder die nächste Aufgabe vorbereiten – und schon ist die Pause vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Dabei müssen freie Momente nicht immer einen Zweck haben. Bewusst leben kann auch bedeuten, einen Kaffee am Fenster zu trinken, einen kurzen Spaziergang zu machen oder ein paar Seiten in einem Buch zu lesen. Es geht nicht darum, den Alltag neu zu organisieren, sondern ihm hin und wieder etwas Raum zu lassen – für Ruhe, Gedanken und einfach ein wenig Zeit, die nichts leisten muss. Das passt auch zu der Idee des französischen Lebensgefühls: den kleinen Momenten im Alltag bewusst Raum zu geben und sie nicht immer einem Zweck unterzuordnen.

Bewusst leben | Eine Hommage an die Kunst der Langsamkeit

Bewusst leben | Was Experten über die Bedeutung von Pausen sagen

Bewusst zu leben bedeutet nicht nur, sich eine Pause zu gönnen. Entscheidend ist, ob wir dabei wirklich abschalten. Wir können zu Hause sein und gedanklich trotzdem bei der Arbeit bleiben oder einen freien Nachmittag haben, während der Kopf bereits beim nächsten Termin ist. Wirkliche Ruhe beginnt deshalb oft erst dann, wenn wir nicht nur Zeit haben, sondern auch innerlich Abstand gewinnen. Was dabei tatsächlich zur Erholung beiträgt, beschäftigt auch Psychologen und andere Experten seit Jahren.

Wenn freie Zeit nicht wirklich zur Ruhe führt

Wie gut wir uns in unserer freien Zeit tatsächlich erholen, hängt auch davon ab, ob wir innerlich Abstand zu den Anforderungen des Alltags gewinnen. Die Psychologin Sabine Sonnentag von der Universität Mannheim beschreibt dabei die psychologische Distanz zur Arbeit als einen wichtigen Bestandteil der Erholung. Wer auch in der Freizeit gedanklich ständig bei Aufgaben, Terminen oder beruflichen Anforderungen bleibt, findet schwerer wirklich Abstand. PubMed

Dabei geht es nicht darum, möglichst viel „Nichtstun“ in den Tag einzubauen. Bewusst leben bedeutet vielmehr, freie Zeit nicht automatisch wieder mit neuen Anforderungen zu füllen. Ein Moment der Ruhe kann bereits dann wohltuend sein, wenn wir ihn nicht sofort optimieren, dokumentieren oder in eine weitere Aufgabe verwandeln.

Innehalten als Teil der französischen Lebensart

Ein ähnlicher Gedanke findet sich auch beim französischen Psychiater und Psychotherapeuten Christophe André. In einem Gespräch mit Le Monde beschreibt er, wie sehr unser Alltag von ständigen Reizen und Aufforderungen geprägt ist. Meditation und bewusstes Innehalten können seiner Ansicht nach dabei helfen, wieder langsamer zu werden und einen Moment lang nicht handeln zu müssen. Le Monde

Vielleicht bedeutet bewusst leben genau das: nicht noch mehr aus der eigenen Zeit herauszuholen, sondern ihr wieder etwas Freiheit zu lassen. Auch das, was wir oft mit französischer Lebensart verbinden, findet sich in diesem Gedanken wieder – in der Idee, dass Lebensqualität nicht nur in dem liegt, was wir erleben oder erreichen, sondern manchmal auch darin, einfach einen Moment lang nichts zu müssen.

Bewusst leben | Eine Hommage an die Kunst der Langsamkeit

Bewusst leben und dem Alltag etwas Tempo nehmen

Oft braucht es keine großen Veränderungen, um dem Alltag etwas mehr Ruhe zu geben. Schon kleine Übergänge können einen anderen Rhythmus schaffen – etwa der Moment zwischen Aufstehen und dem ersten Termin oder die Zeit zwischen Arbeit und Abend. Tageslicht am Morgen, ein kurzer Weg nach draußen oder ein Frühstück ohne unmittelbare Ablenkung können dabei helfen, bewusster in den Tag zu starten.

Auch im Laufe des Tages darf es Momente geben, die keinen weiteren Zweck erfüllen. Eine Pause muss nicht mit neuen Informationen gefüllt werden und ein freier Nachmittag nicht automatisch einen neuen Plan bekommen. Gerade wenn wir nicht ständig zwischen Aufgaben, Nachrichten und Terminen wechseln, entsteht wieder etwas mehr Raum für Erholung.

Freie Zeit wieder freier werden lassen

Vielleicht liegt darin überhaupt ein wichtiger Teil der Langsamkeit: freie Zeit nicht sofort wieder zu füllen. Ein Abend ohne festen Plan, ein Spaziergang ohne Ziel oder ein ruhiger Moment zu Hause können ihren Wert gerade deshalb entfalten, weil sie nichts leisten müssen.

Bewusst zu leben bedeutet dabei nicht, den Alltag grundlegend zu verändern. Manchmal reicht es, an einer Stelle etwas wegzulassen und den entstandenen Raum einfach bestehen zu lassen. So bekommt auch das scheinbar Gewöhnliche wieder mehr Aufmerksamkeit – und der Tag ein wenig mehr Luft.

Bewusst leben | Eine Hommage an die Kunst der Langsamkeit

Bewusst leben und den eigenen Rhythmus wiederfinden

Die Kunst der Langsamkeit beginnt dort, wo Zeit nicht ständig genutzt werden muss. Bewusst leben heißt, dem eigenen Alltag nicht nur Aufgaben und Termine zu geben, sondern auch Raum für Momente, die keinen Zweck erfüllen müssen.

Ein ruhigerer Rhythmus schafft dabei keine weniger erfüllten Tage. Er verändert vielmehr den Blick auf das, was bereits da ist. Genau darin liegt auch ein Gedanke, der sich mit der französischen Lebensart verbinden lässt: Lebensqualität zeigt sich nicht allein in besonderen Erlebnissen, sondern ebenso in der Art, wie wir unseren Alltag gestalten und uns Zeit für ihn lassen.


Experten & Quellen

Sabine Sonnentag, Laura Venz & Anne Casper: „Advances in recovery research: What have we learned? What should be done next?“, Journal of Occupational Health Psychology, 2017. Der wissenschaftliche Überblick beschäftigt sich mit der Erholung von beruflichen Belastungen während der Freizeit und der Bedeutung der psychologischen Distanz zur Arbeit für das Wohlbefinden. Zum Originalbeitrag bei PubMed

Christophe André: „La pleine conscience permet de distinguer l’urgent de l’important“, Le Monde, 14. Juni 2016. Der französische Psychiater und Psychotherapeut spricht darin über den Umgang mit Zeit, bewusste Pausen und die Möglichkeit, durch Achtsamkeit wieder stärker im gegenwärtigen Moment anzukommen. Zum Originalbeitrag bei Le Monde

La Vie Paris Exklusiv

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